Achtung vor zu langem Sitzen

 

Enorme Nebenwirkungen auf den Organismus

 

Mit dem Stichwort Bewegungsmangel verbinden die meisten Menschen Übergewicht. Doch es geht um weit mehr: „Der Verlust an körperlicher Aktivität führt zu einer vorzeitigen Alterung des Herz-Kreislauf-Systems. Die Herzfunktionen lassen nach. Ebenso schwächeln die Gefäße“, erklärt Prof. Froböse einige fatale Auswirkungen. Weitere mögliche Folgen seien Stoffwechselstörungen, ein geschwächtes Immunsystem, Rheuma, Muskelschwund und Arthrose. „Der Knorpel, die Bandscheibe – letztendlich jede Gelenkstruktur und sogar der Knochen hängen am Tropf der Bewegung.“

 

Doch Froböse setzt nach: Weil inaktive Menschen die negativen Auswirkungen von Stress viel schlechter kompensieren könnten, begünstige Bewegungsmangel auch psychische Verstimmungen. Bewegung sei ein reinigender Filter für Bluthochdruck oder Burnout, so der Wissenschaftler.

 

Körperliche Aktivität mache außerdem nicht nur glücklich, sondern auch schlau: „Sie ist der wichtigste Stimulus für die Gehirnentwicklung – nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen.“

 

 

Beanspruchung statt Schonung

 

Viele Körperfunktionen könnten auch im Alter auf einem hohen Niveau bleiben, berichtet Froböse. Dazu sei kein Kraftsport nötig, moderate körperliche Aktivität reiche völlig aus. „Der Zelle ist es egal, [...] ob ich mit einem Drei-Streifen-Trainingsanzug aquajogge oder in Nadelstreifen nur mal schnell spazieren gehe“, so Froböse.

 

Eins der wichtigsten Kriterien sei die regelmäßige Unterbrechung von Inaktivität. „Wenn Sie acht Stunden lang sitzen, haben Sie alles im Koma liegen, den ganzen Körper. [...] Sport kann dieses enorme Defizit, das wir im Laufe eines Tages eingefahren haben, nicht mehr wettmachen“, unterstreicht der Experte.

 

 

Bewegung muss in den Alltag zurückkehren

 

Firmen benötigten deshalb keinen Fitness-Raum, sondern sollten besser damit beginnen, die Arbeitsplatzgestaltung zu überdenken. „Ich würde Büros so organisieren, dass Mitarbeiter Wege zurücklegen müssen“, erläutert der Sportwissenschaftler.

 

In seinem Keynote-Vortrag auf der Corporate Health Convention verrät er unter anderem, wie Unternehmen mit einfachen Mitteln zu mehr Bewegung animieren können. „Bewegung muss wieder in den Alltag. Dort ist sie verloren gegangen und da muss sie einfach wieder hin.“

 

arbeitsschutz-PORTAL – 04.04.2013

Author Redaktion ZfG | Datum: 8. April 2013

 

Dass langes Sitzen Rückenschmerzen sowie Muskelverspannung hervorruft, ist nichts Neues. Permanente Inaktivität löst laut einer neuen Studie aber sogar Stoffwechselstörungen, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus. Sport hilft da wenig. Der einzige Ausweg: Häufige Unterbrechung der Sitzphasen.

Heutzutage verbringen wir mehrere Stunden am Tag sitzend: Wir fahren mit dem Auto zur Arbeit, arbeiten am Schreibtisch, bewegen uns in der Mittagspause kaum, telefonieren im Sitzen mit unseren Kollegen im Nachbarzimmer und schauen abends fern.

So viel Sitzen ist auf Dauer nicht gesund. Nicht selten verspüren wir deshalb Nacken- oder Rückenschmerzen. Dass die negativen Folgen des langen Sitzens sogar noch weit darüber hinaus gehen, zeigt eine neue Studie des Forschungsteams um Elin Ekblom-Bak am Karolinska-Institut in Stockholm. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen dem langen Sitzen und Fettleibigkeit, Stoffwechselstörungen, Diabetes, dem metabolischen Syndrom, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Sogar das Sterberisiko steigt demnach mit der Länge der Sitzphasen.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch schon der australische Professor David W. Dunstan, der Leiter des Physical Activity Labor des Baker IDI Heart and Diabetes Institutes. In der Langzeitstudie hat seine Forschungsgruppe Cholesterin- und Blutzuckerwerte von Männern und Frauen über 25 untersucht. Das Ergebnis: Mit jeder Stunde Fernsehen steigt das Sterberisiko um 11 % und das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung um 18 % an.

 

Zu geringer Energieverbrauch

„Langes Sitzen beziehungsweise mangelnde Beweglichkeit haben den Effekt, dass zu wenig Energie verbraucht wird. Es kommt zu einem Missverhältnis zwischen der Energieaufnahme und dem Energieverbrauch“, erklärt Professor Ingo Froböse, Leiter des Zentrums für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln. Die Folge seien Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas). Diese könnten wiederum Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2 hervorrufen.

Langes Sitzen erhöht zudem das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, denn körperliche Inaktivität schwächt den Herzmuskel. „Das Herz ist wie der Motor eines Autos in der Garage. Auch er verliert nach zu langer Pause seine Leistungsfähigkeit“, veranschaulicht Professor Froböse die medizinische Problematik. „Ein unzureichend gefordertes Herz-Kreislauf-System kann in Gefäßerkrankungen und Fettstoffwechselstörung münden. So entsteht eine Arteriosklerose, die gemeinsam mit Diabetes schließlich zu Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall führen kann“, warnt er.

 

Quälende Schmerzen durchs lange Sitzen

Neben diesen chronischen und tödlichen Krankheiten kann das Sitzen den Körper so beeinträchtigen, dass Schmerzen den Alltag zu einer Qual machen. „Wer sich unzureichend bewegt, schwächt seine Rücken-, Schulter- und Nackenmuskulatur“, sagt der Sporttherapeut Ulf Zickert. „Wenn Sie eine bestimmte Sitzposition zu lange beibehalten, kommt es zum Dauertonus von bestimmten Muskeln. Resultat: Die Muskeln werden nicht richtig durchblutet und schmerzen.“

Zickert erklärt zudem: „Eine schwache Muskulatur führ zu einer ungünstigen Belastung der Gelenke. Das wiederum führt zu unzureichend stabilisierten Gelenken, insbesondere bei den Wirbelgelenken.“

 

Unterbrechen Sie das lange Sitzen

Lange Zeit wurde vermutet, es sei ausreichend, nach dem langen Sitzen Sport zu treiben, um diese Beschwerden zu vermeiden. „Beweglichkeit nach langer Inaktivität löst nicht das Problem“, so Professor Froböse. Laut der schwedischen Studie stellen auch eine gesunde Ernährung oder Nikotinverzicht keine Rettung dar. Wenn man bedenkt, dass wir oft sehr lange sitzen (müssen), ist das eine alarmierende Erkenntnis.

Eine gute Nachricht jedoch ist, dass mit einfachen Maßnahmen der Alltag gesünder gestaltet werden kann. „Stehen Sie jede Stunde für zehn Minuten auf und bewegen Sie sich kurz“, empfiehlt Professor Froböse. „Ändern Sie häufig Ihre Sitzposition, telefonieren Sie im Stehen und benutzen Sie immer die Treppe statt den Fahrstuhl.“ Ein kleiner Spaziergang in der Mittagspause ist zudem nicht nur gut für Ihren Körper, sondern auch für Ihre Konzentration. Diese kurzen Unterbrechungen der Sitzphasen sind laut den Erkenntnissen von Ekblom-Bak und seinem Team sogar gesundheitsschonender als Ausgleichssport in der Freizeit.

 

Körperliche Verspannung vermeiden

Professor Froböse und der Sporttherapeut Zickert sind sich einig: Es gibt keine richtige Sitzhaltung, sondern zu langes Sitzen schadet immer. Froböse sagt: „Bierbänke sind am besten. Sie sind so ungemütlich, dass man häufig die Sitzposition ändern oder aufstehen muss.“ Zickert empfiehlt, während des Sitzens abwechselnd die Fersen und Fußspitzen anzuheben. So könne man Durchblutungsproblemen vorbeugen.

Beugen Sie außerdem im Sitzen Ihr Becken nach vorne und nach hinten, um eine starre Körperhaltung und eine zu starke Belastung der Wirbelgelenke zu vermeiden. Drehen Sie zwischendurch Ihren Oberkörper nach links und rechts, bewegen Sie Ihren Kopf in alle Richtungen und kreisen Sie Ihre Schultern rückwärts; das beugt Nackenverspannungen und Rückenschmerzen vor. Stützen Sie sich ab und zu mit den Händen am Tisch ab, um Ihren Rücken zu entlasten.
Es ist wichtig, den Büro-Alltag so dynamisch wie möglich zu gestalten, um Professors Froböses Empfehlung gerecht zu werden: „Wer sich keine Zeit für Bewegung nimmt, wird sich irgendwann ganz viel Zeit für seine Krankheit nehmen müssen!“

hausmed.de, 12.08.2011